Dienstag, 5. Mai 2026

Der langsame Leser


Er nimmt das Buch wie einen alten heiligen Gegenstand

mit beiden Händen

als käme es aus einem Haus der Weisheit

das längst verschwunden ist

auf der ersten Seite, steht ein Name

vielleicht ein toter Autor der Vergangenheit

der einmal glaubte

dass Sätze länger leben können

als Stimmen

der Leser sitzt allein

um ihn herum vergeht die Welt

in schnellen Zeichen

in Nachrichten, Bildern, Meinungen

in dem müden Lärm

der Gegenwart und des Nichts

er aber liest drei Seiten, oder vier oder zehn

und legt das Buch wieder fort

um zu denken, um nachzudenken

nach Wochen ist er noch immer

in der Mitte

er liest nicht

um fertig zu werden

er liest

um eine fremde Zeit

in sich wohnen zu lassen

manchmal bleibt sein Finger

unter einem Satz stehen

draußen wird es schon wieder Abend

drinnen aber wird ein Jahrhundert

für einen Augenblick

wieder lesbar

dann versteht er

dass alte Bücher

keine Vergangenheit sind

solange einer sie öffnet

vielleicht mit Liebe

und dass der einsame Leser

nicht allein ist

wenn er langsam genug liest

 

Gedicht von Roberto Minichini Mai 2026

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Ein gutes Wort

Ein gutes Wort
ist wert wie Gold
geh nicht den falschen Weg
sondern einsam träume das Heilige
und die Sonne und der Mond
im weitem Wald der Vergangenheit
hüten Dich
und Du lernst viel von ihnen
Du lernst das gute, das Licht

Roberto Minichini, 18. Dezember 2019, Görz

Mittwoch, 25. Juli 2018

Stille Schritte in den Wolken

Es sind ja stille Schritte
die er in den Wolken macht
er will alleine sein, einsam
ab und zu hält er still
er bewegt sich nicht
schaut auf die Welt
und ohne Wort aus dem Mund
versteht er sie nicht
dann beginnt er wieder zu spazieren
in den Wolken ist sein Leben leicht

Roberto Minichini, 25 Juli 2018, Görz

Donnerstag, 19. Mai 2016

Gnade gegen Barbarei

Du bist auf der Fahrt
nein,es ist kein Marsch
den brauchst Du nicht
habe Gnade gegen Barbarei
sei ein echter Mensch
oben, ganz oben
weht der Geist

Roberto Minichini,Görz,Italien,den 19 Mai 2016

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Wartestunde

Die Stunde ist noch nicht reif
hast du gesagt
aber bitte
ich wage es zu fragen
bitte sage auch wann es so weit ist
wann und wo
und warum warten wir so lange
auf das Nichts
auf das braune Nichts
auf das graue Nichts
auf das schwarze Nichts
die Stunde
sie ist schon da
begreife
begreife sofort
begreife für immer
das Warten ist schon lange zu Ende

Roberto Minichini, Görz, Italien, den 27 Dezember 2014

Donnerstag, 8. Mai 2014

Du bist nur ein stummer Zwerg

Du bist nur ein stummer Zwerg
dein Wald ist schon lange Vergangenheit
wo du wanderst ist nur Traum , Alptraum
das Gold ist nicht mehr im Geist
es ist nur eine Zahl , ein Umsatz , eine verfluchte Arbeit
Alchemisten ihr seit verstorben , Geschäftsmacher sind die neuen Adepten
überall tobt die Zahl , überall tobt das Geld , überall hungrige , gierige Sklaverei
überall die neue Barbarei der armseeligen Wirtschaftshelden
du bist nur ein stummer Zwerg
du bist Vergangenheit
deine Zahl ist die Null
dein Wert ist unbekannt und unbeliebt
ja , höre zu , du , du stummer Zwerg
nicht mal ein Grab gehört dir
wer nicht bezahlt , wer nicht arbeitet , darf nicht sterben
und darf nicht leben , und darf nicht hoffen , und darf nicht lachen oder lieben
darf nur schweigen und verschwinden
du bist nur ein stummer Zwerg
dein Wald ist schon lange Vergangenheit
wo du wanderst ist nur Traum , Alptraum

Roberto Minichini , den 8.Mai 2014 , in der Nähe von Mainz