Dienstag, 5. Mai 2026

Der langsame Leser


Er nimmt das Buch wie einen alten heiligen Gegenstand

mit beiden Händen

als käme es aus einem Haus der Weisheit

das längst verschwunden ist

auf der ersten Seite, steht ein Name

vielleicht ein toter Autor der Vergangenheit

der einmal glaubte

dass Sätze länger leben können

als Stimmen

der Leser sitzt allein

um ihn herum vergeht die Welt

in schnellen Zeichen

in Nachrichten, Bildern, Meinungen

in dem müden Lärm

der Gegenwart und des Nichts

er aber liest drei Seiten, oder vier oder zehn

und legt das Buch wieder fort

um zu denken, um nachzudenken

nach Wochen ist er noch immer

in der Mitte

er liest nicht

um fertig zu werden

er liest

um eine fremde Zeit

in sich wohnen zu lassen

manchmal bleibt sein Finger

unter einem Satz stehen

draußen wird es schon wieder Abend

drinnen aber wird ein Jahrhundert

für einen Augenblick

wieder lesbar

dann versteht er

dass alte Bücher

keine Vergangenheit sind

solange einer sie öffnet

vielleicht mit Liebe

und dass der einsame Leser

nicht allein ist

wenn er langsam genug liest

 

Gedicht von Roberto Minichini Mai 2026