Er nimmt das Buch wie einen alten heiligen Gegenstand
mit beiden Händen
als käme es aus
einem Haus der Weisheit
das längst
verschwunden ist
auf der ersten
Seite, steht ein Name
vielleicht ein
toter Autor der Vergangenheit
der einmal
glaubte
dass Sätze länger
leben können
als Stimmen
der Leser sitzt
allein
um ihn herum
vergeht die Welt
in schnellen
Zeichen
in Nachrichten,
Bildern, Meinungen
in dem müden Lärm
der Gegenwart und
des Nichts
er aber liest
drei Seiten, oder vier oder zehn
und legt das Buch
wieder fort
um zu denken, um
nachzudenken
nach Wochen ist
er noch immer
in der Mitte
er liest nicht
um fertig zu
werden
er liest
um eine fremde
Zeit
in sich wohnen zu
lassen
manchmal bleibt
sein Finger
unter einem Satz
stehen
draußen wird es
schon wieder Abend
drinnen aber wird
ein Jahrhundert
für einen
Augenblick
wieder lesbar
dann versteht er
dass alte Bücher
keine
Vergangenheit sind
solange einer sie
öffnet
vielleicht mit
Liebe
und dass der
einsame Leser
nicht allein ist
wenn er langsam
genug liest
Gedicht von Roberto Minichini Mai 2026

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